Donnerstag, 30. September 2004

Tag 14, Von Alcuéscar nach Valdesalor

Wegbeschreibung und Bilder

Ziehe um 7.40 Uhr los und habe Glück, das Kloster ist offen und ein Bruder wünscht mir Buen Viaje. Fülle noch meinen Wasservorrat auf und dann wandere ich in die Dunkelheit. Bald schon irre ich an den Weggabelungen herum, da die Taschenlampe kaum noch scheint. Braucht neue Batterien. Dann mit dem Hellerwerden kann ich die gelben Pfeile wieder erkennen ohne die Mauern abzutasten und es geht in eine weite Landschaft hinein, die durch Hügelketten begrenzt ist. Erster Halt bei der Römerbrücke bei den Casas de Don Antonio. 2.Halt im kühlen Schatten des Wellblechschuppens vom Flughafen. Plötzlich höre ich ein Auto. Bellen und Rumoren im Schuppen folgt. Dann das Rollen einer Schiebetür und dann biegt der respektheischende deutsche Schäfer um die Ecke. Ich bleibe ruhig sitzen und rede auch Putter beruhigend zu nd irgendwann pfeift es dann zum Glück von der anderen Schuppenseite und der Wächter gehorcht seinem Herrn. Seit dem Bahnhofserlebnis in Almendralejos sind meine Nerven wieder einiges stärker. Und Putter's vielleicht auch. Nach ein bisschen Fussgymnastik und Meditieren nehme ich noch das letzte Stück unter die Füsse, das mich nach Valdesalor bringt. Im Hogar del Pensionista erhalte ich die Auskunft, dass schon ein Peregrino da ist und dass sich das Albergue im ersten Stock des Ayuntamiento befindet. Ich gehe wieder quer über die Plaza de España zum Gebäude mit den Flaggen. In der Sala de Actos sitzt Jordi auf einer Matte am Boden und pflegt seine Füsse. Ich versorge Putter mit Wasser und richte mich dann gemütlich auf einer 2.Matte ein. Zum ersten Mal bin ich froh um den Schlafsack. Nach einer erfrischenden Dusche und dem Waschen der verschwitzten Wanderklamotten mach ich es Jordi gleich und halte erstmal Siesta. Gegen 18 Uhr gehe ich auf die Pirsch nach Futter für Putter. Im ersten und wahrscheinlich einzigen Dorfladen gibt es keine Büchsen, aber ich erhalte den Tip, dass vielleicht der Shop an der Tankstelle welche hat. Also spazieren wir der N630 entlang zur Tankstelle. Doch auch hier nichts. Das Restaurant, bzw. Bar und Cafeteria sind überflutet von einer Busladung Touristen. So bestelle ich nur ein Bier und setze mich auf einen verstaubten Stuhl. Eine der Bustouristinnen nähert sich und meint, Putter habe Durst. Sie kommen aus Faro und sind Portugiesen, was mich gleich anheimelt. Doch nun funktioniert auch mein Portugiesisch nicht mehr richtig und ich radebreche nur einen iberischen Sprachsalat. Doch irgendwie verständigen wir uns auch so. Auf jeden Fall organisiert sie ein Glas Wasser und eine Scheibe Schinken für Putter. Und bevor der Bus losfährt rennt noch ein Portugiese daher mit 2 Scheiben Schinken. Mangels anderem kaufe ich dann auf dem Rückweg im Dorfaden noch 3 Pack Frankfurter Würstchen, die Putter gierig verschlingt. Für mich einen Kuchen, den ich aber auch Putter überlasse, als ich merke, dass er den auch mag. Ich bekomme dann im Hogar del Pensionista ein Prato Combinado (2 Spiegeleier, 2 Scheiben gebratener Schinken und Pommes) mit einem knackigen Salat. Dazu ein Glas Wein, damit ich beim Verkehrslärm der N630 schlafen kann. Unterdessen ist das Pilgerpaar aus Zaragoza, Anna und José-Luis, auch eingetroffen und wir machen ein Massenlager.

Mittwoch, 29. September 2004

Tag 13, Von Aljucén nach Alcuéscar

Wegbeschreibung und Bilder

Schlafe wunderbar bis mich Putter um halb sieben schon wieder weckt. Nach einem kurzen Spaziergang packe ich meine Sachen, esse noch die übrigen Trauben und eine Banane und dann mache ich mich wieder auf den Weg in die frische Morgendämmerung hinein. Zuerst noch ein bisschen Asphalt, doch dann geht es ohne irgendeine menschliche Begegnung und ebenso ohne die befürchtete Begegnung mit den Mastines durch Korkeichenweiden, 2 schöne Hochebenen und zum Schluss noch über einen Hügel, von dem aus die Kirche von Alcuéscar zu erblicken ist. Nach knapp 5 Stunden inkl. halbstündiger Pause bin ich etwas geschafft und lagere mich im Schatten eines Strompfeilers, dessen Betonsockel wunderbar kühl ist. Nochmal Füsse an die frische Luft strecken, Wasser trinken und ein paar Datteln essen, dehnen und mit den Zehen wackeln. Dann wandere ich in Alcuéscar ein, wo ich erstmal die Ebbe in meinem Portemonnaie in Flut verwandle, dann für Putter eine Dose Hundefutter im Dia kaufe und mir das Dorf ansehe und nach einem gemütlichen Verweilplatz Ausschau halte. Ich werde im Meson Alejandro fündig, wo ich mir von Pepe, einem Spanier wie aus dem Bilderbuch, einen Teller mit Jamon, Judias verdes, Papas bravas und Magro en Tomate zusammenstellen lasse. Zu einem Bier schmeckt das herrlich. Putter hat sich gleich hingelegt und schläft friedlich. Hat nur ein paar Happen Jamon genommen. Teurer Geschmack! Bin Zuschauerin im spannenden Dorftheater. Nach einem Cafe con Leche mit Wasser breche ich auf und finde einen friedlichen Park Brunnen und Wasserzapfstelle. Dort lasse ich mich zur Siesta nieder. Will die Mönche im Kloster "Hermanos de Maria y los Pobres" noch nicht stören. Ein alter Mann und eine Schar Kinder kommt vorbei, die sich alle auf englisch mit Namen vorstellen. Sie wollen wissen, wo ich schlafe und nennen das Kloster "Casa de Locuras". Als das Klosterglöcklein wieder ruft, folge ich ihm und betrete zum ersten Mal ein Kloster. Der Bruder Pförtner bittet mich und auch Putter gleich herein und stempelt die Urkunde. Dabei ist mir peinlich, dass ich die Personalien darauf noch nicht ausgefüllt habe. Dann erkundigt er sich, ob ich Futter für Putter habe und überlässt mich dann der Obhut von José Angel, der Jeans trägt statt Kutte und auch ein bisschen englisch spricht. Dieser zeigt mir zuerst einen Platz für Putter, bevor er mir dann die Zelle 6 zuweist und die Klosterregeln für Gäste erklärt. Vor dem Duschen bringe ich Putter noch Futter und José Angel improvisiert mit seinem Mini-CH-Taschenmesser einen Wassernapf. Dann endlich Duschen. Welch wohlige Erfrischung! Werde bald mit den Brüdern essen und nach dieser Nacht wieder um eine Erfahrung reicher sein.
Erkenntnis damals: Hab mich wieder mal vergeblich ins Bockshorn jagen lassen durch Erzählungen von anderen und mir Sorgen um Putter gemacht, dass er von den Mastines zerfleischt werden könnte.
Erkenntnis 4 Jahre später: Es ist weise, mögliche Gefahren zu kennen und sich ohne Angst darauf vorzubereiten. Und dann, wenn die Gefahr nicht eintritt, sich darüber zu freuen. Und jetzt freue ich mich, dass ich in den 4 Jahren was dazugelernt habe.
Geständnis: Die Evelyn von damals hatte nicht den Mut und die Entschlossenheit, ihren Vorsatz wahrzumachen. Statt mit den Mönchen zu essen, ging sie in die Stadt und irrte herum gequält von ihren Ängsten, sich falsch zu benehmen oder was falsches zu sagen. Die Evelyn von heute erlaubt sich und anderen, Fehler zu machen und versucht, daraus zu lernen und sie sich und anderen zu verzeihen.

Dienstag, 28. September 2004

Tag 12, Von Mérida nach Aljucén

Wegbeschreibung und Bilder

Endlich raus aus dem "Loch" des Hostal Salud in Mérida. Erstmal wieder der Strasse nach zum Lago Proserpina. Dort Apfelpause nach Sonnenaufgang. Wunderschön wieder mal einen See, eine ruhige Wasserfläche, zu sehen. Dann geht es weiter durch Korkeichenlandschaft. In Carrascalejos halte ich den Kopf unter den Wasserstrahl am Dorfbrunnen. Ist mit meiner Frisur kein Problem mehr. Mit herrlich erfrischtem Kopf geht es weiter an einer Schweinefarm vorbei und dann stehe ich plötzlich mitten auf einer Autobahnbaustelle. Hier wird die Via de la Plata von Sevilla nach Gijon auf 4 Spuren ausgebaut. Ich finde einen Weg aus der Baustelle raus ins Dorf, wo alle Bars, Läden und die Albergue geöffnet sind. Bei einem Cafe con Leche erzählt mir Elena von der Albergue und das klingt so gut, dass ich beschliesse, hier zu übernachten statt den Gewaltsmarsch nach Alcuéscar unter die Füsse zu nehmen. Nach Mérida eine Oase der Wärme, Freundlichkeit und Sauberkeit, obwohl man das Rauschen der Autos auf der nahen N630 hört. Aber vom Nachbarhaus ist auch das Gurren der Tauben zu hören. In der Siesta liege ich auf der besten Matratze seit Teresa's Suite.
Beim Nachtessen mit Gazpacho, Macarrones con Jamon und Peres en Almibar tauchen nochmal 2 Pilger auf, ein Paar aus Zaragoza. Während ich mich später im Albergue mit der Frau unterhalte, kommt der Mann splitternackt und sichtlich erfrischt aus der Dusche. Wir tun alle, wie wenn nichts wär. Wir sind schliesslich peregrinos. Schaue noch ein bisschen in den Vollmond und höre dem Verkehrsrauschen zu.

Montag, 27. September 2004

Tag 11, In Merida

Nichts geschrieben.

Sonntag, 26. September 2004

Tag 10, Von Villafranca nach Mérida

Wegbeschreibung und Bilder (bis Almendralejos)
Wegbeschreibung und Bilder (ab Almendralejos im Zug)
Wir brechen schon um 7.30 Uhr auf. Ein kleiner Spanier mit Motorradhelm öffnet mir die Tür und wünscht mir gute Reise. Das dröhnende Nachtleben ist vorbei und alles ist wieder ruhig und morgenfrisch. Heute fühle ich mich in den Wanderschuhen wie in Finken. Kein Schmerz mehr da. Die 2. Compeed-Haut hält was die Produkt Manager von Johnson + Johnson versprechen. 2 Frauen geben mir den letzten Tip, wie ich aus der Stadt rauskomme und dann öffnet sich alles wieder in herrliche Weite. Erstmal durchatmen. Ich laufe auf Traktorpisten endlos geradeaus zwischen Rebfeldern, die mir ein leckeres Frühstück spenden. Die Traubenernte ist in vollem Gang und überall sind Gruppen am Pflücken. Die weissen Trauben wachsen direkt am Stock und die Pflücker stellen einen Plastikeimer darunter und zupfen die Traubendolden ab und lassen sie in den Eimer fallen. In unglaublicher Geschwindigkeit. Ich sehe nicht genau, ob sie ein anderes Werkzeug als die Hände benutzen. Ich komme gut vorwärts in der kühlen Morgenluft. Bei einer Brücke mache ich kurze Pause und esse meinen Apfel. Habe noch nicht entschieden, ob heute nach Almendralejos oder Torremejia. Da kommt ein Velofahrer, hält an, grüsst mich und rät mir nach Almendralejos zu gehen, das sei grösser und interessanter. Nun also, schon entschieden. An der Abzweigung folge ich meiner Beschreibung und laufe voll verkehrt. Lerne, dass Beschreibungen nicht zu trauen ist. Doch auch da ist schon ein Helfer bereit, der mich wieder in die richtige Richtung weist und das mit einem strahlenden Lachen.
Noch 3 km Asphalt und dann sehe ich, wo all die Trauben landen, in riesigen Edelstahltanks. Am Stadtrand hausen einige Zigeuner, die wahrscheinlich bei der Ernte helfen. Ich laufe durch die Calle San Antonio vorbei am Hotel España direkt auf die Kirche zu. In der Nähe ist auch gleich die Policia Local, die meine Urkunde stempelt und mir ein Hotel in der Nähe weist. Doch schon als ich eintrete, weiss ich, dass Putter hier nicht willkommen ist. Wir versuchen es noch beim Hotel España. Der rote Teppich ist ausgerollt und vor einer 2-flügeligen Glastür sitzen rechts und links 2 Steinbulldoggen, die so echt aussehen, dass Putter sie erstmal ausgiebig beschnuppert. Hier müssten ja dann Hunde willkommen sein. Wir treten ein und stehen gleich vor dem Receptionstischchen, hinter dem ein älterer, nicht unsympathischer Mann sitzt. Ich sage den Satz, den ich mir zurechtgelegt habe: hay una habitacion para dos peregrinos? Er sagt etwas auf spanisch, das ich als "wenn es nur das ist" interpretiere und mich schon freue. Doch leider ein Missverständnis. Er wiederholt nochmal und diesmal verstehe ich, dass alles voll ist. Ich denke, er will uns abwimmeln und weise auf die Schlüssel hin, die alle an ihren Haken hängen. Doch auch dafür gibt es eine Erklärung, das ganze Hotel ist von einer Hochzeitsgesellschaft gebucht. Ok, dann erstmal pinkeln und was essen.
Im Meson Zara gibt es Ensalada Mixta und Calamares a la Romana, die auch Putter schmecken. Sehe eine Weile dem Treiben einer jungen Familie mit Freunden zu, die Bier trinken und rauchen und dazwischen dem ca. 2-jährigen Jungen immer wieder einen Ball fortwerfen und dazu laut "mira, mira" schreien. Als Ball und Junge zu nahe kommen, weist sie Putter mit einem unwilligen Knurren zurecht. Er hat ein ausgezeichnetes Gespür für unberechenbare Situationen und mag es nicht, wenn man seine Ruhe stört.
Ein anderes Hotel ist nicht in Sicht, dafür der Bahnhof, der einen wunderbar blau gekachelten, leeren Wartesaal hat, in dem ich es mir gemütlich mache bis um 20.41 der Zug nach Merida fährt. Mal schauen, ob wir mitkommen. Der nette Bahnangestellte, der einige Male durch die Halle läuft, weist mich zwar darauf hin, dass Hunde nur bis 6kg Gewicht erlaubt sind, gibt mir aber auch zu verstehen, dass er nicht unbedingt sieht, dass Putter einsteigt. Wenigstens interpretiere ich das so.
Als ich mal den Wartesaal mit Putter verlasse, setzt sich draussen gerade ein alter Mann auf eine der 3 Steinbänke. Ich setze mich auch und er bietet mir einen Karton als Kissen auf dem harten Beton an. Ich lehne dankend ab mit der Erklärung, dass ich den Beton erfrischend kühl finde, worauf er meint, es sei nicht wegen der Kühle, sondern wegen der Weichheit, worauf ich erwidere, dass mein Hintern weich genug sei. So fängt unsere Unterhaltung an und zieht sich mit einfachen Fragen und Antworten durch den Nachmittag. Er weist mich noch daraufhin, dass es gefährlich sei, das Gepäck einfach so liegenzulassen, worauf ich es ihm zuliebe hole. Dann will er auch noch wissen, ob ich männlich oder weiblich sei, was mich ziemlich heiter stimmt. Wohl beides in immer wieder neuen Mischungen. Aus der benachbarten Cafeteria tönt lautes, aggressives Spanisch, alkoholangeheizt. Gegen 17 Uhr klingt der Lärm ab, die Cafeteria schliesst und mit ihr auch die Bahnhofstoilette, in der ich mich noch waschen wollte. Pech gehabt. Gepinkelt wird hinter dem Haus. Um 18 Uhr gibt es wieder Betrieb. Der Stationschef kommt wieder mit seinem lustigen Hund Typ Lexa und Rinaldo. Er zieht sich die rote Mütze an, nimmt die rote Fahne unter den Arm und stellt die Weichen Modell 1920 von Hand durch Umlegen zweier Hebel, die vorher schon von 3 Männern fotografiert worden waren. Der Zug von Merida fährt ein. Ein- und Aussteigen. Abfahren. Dann erstirbt der Bahnhof wieder in seinen Dornröschenschlaf. Plötzlich kommt der Stationschef mit seinem Hund auf uns zu und lässt ihn laufen. Mit stockt der Atem. Denn schon vorher haben sich Putter und Ruz fast in die Haare gekriegt, zumindest hat Putter auf die Spielvorschläge von Ruz mit Knurren geantwortet. Ich versuche ruhig zu bleiben und meine Ruhe auf Putter zu übertragen. Und dann erhalte ich eine Lektion in Hundeerziehung. Ruz gehorcht seinem Herrn auf's Wort und Putter bleibt einigermassen ruhig, sodass es nicht zu einer Schlägerei zwischen den etwa gleich grossen Rüden kommt. Vielleicht auch weil Ruz erst 2-jährig ist. Ich finde es total mutig, dass der Stationschef gewagt hat, seinen Hund in dieser Situation loszulassen und sage ihm das auch. Später, als ich bei ihm das Ticket nach Merida kaufe, wünscht er mir viel Glück, dass ich es mit Putter auf den Zug schaffe. Ich schenke ihm dafür die Rose von Johannes als Glücksbringer. Aber er ist anscheinend wie ich ein Glückskind und sagt, dass er sie seiner Frau geben wird, der das Glück fehlt. Dabei hat sie einen echt guten Typen als Mann. Der alte Mann bietet mir ein Zitronenbonbon an und ich nehme es trotz der letzten schlechten Erfahrung und der Erinnerung an die mütterlichen Warnungen, nichts von fremden Männern anzunehmen. Und für einen Moment tauchen auch ähnliche Befürchtungen auf, als der Bahnhof wieder menschenleer wird bis auf uns zwei. Doch als sich der alte Mann herzlich von mir verabschiedet, mir viel Glück wünscht und noch 2 Küsse auf die Wangen drückt, bereue ich diese Gedanken.
Nach 18 Uhr öffnet die Cafeteria wieder und ich kann mich doch noch erfrischen und mich Merida-fein machen. Im Meson Zara, wo ich zu Mittag gegessen habe, organisiere ich noch Küchenreste für Putter, da wir erst spät ankommen werden und ich dann nicht noch auf Futtersuche will. Eine schöne Portion Knochen mit etwas Fleisch dran, die Putter genüsslich verzehrt. In mir steigt langsam Unruhe auf, werden wir es auf den Zug schaffen, wenn nicht, was dann? Und was kommt nach Merida? Wie werden wir die beiden mehr als 30km langen Tagesetappen durch von Mastines bewachte Schafherden meistern? Immer wieder sage ich mir "Schritt für Schritt" und beruhige mich damit ein wenig. Doch leicht fällt es mir im Moment nicht. Dann endlich ist der Zug da. Ich gehe zur Tür am letzten Wagen, wo einige junge Männer stehen. Ich steige die 3 steilen Tritte hinauf und versuche dann Putter, der ängstlich zögernd draussen bleibt, zu locken. Die Schar junger Männer fängt an, Putter zu foppen, indem sie ihn Cabra nennen. Das lässt er sich nicht 2mal sagen und klettert wie eine Ziege zu mir hoch. Wow, wir sind drin und der Zug fährt mit uns ab. Unglaublich. Ich setze mich in einen leeren 2er-Sitz und Putter legt sich zusammengerollt auf den Boden. Da kommt auch schon der Kondukteur und staunt ein wenig. Doch er akzeptiert uns und setzt sich bald dazu, indem er die vorderen Sitzlehnen umklappt und aus unserem 2er-Abteil ein 4er-Abteil macht. Er heisst Luis und kommt aus Sevilla. Der 3.sympathische und hilfsbereite Mann an einem Tag. Er erklärt mir noch, wie ich vom Bahnhof in die Stadt komme und wo es eine Pension haben könnte. Putter fährt zum ersten Mal Zug und macht das wie ein Profi. Wirklich erstaunlich. In Merida kriegt Putter wieder Cabra zu hören und steigt souverän aus. Dann geht es auf Hotelsuche. Ich lande im Hostal Salud im grössten Loch meines Lebens für 30 Euro. Als ich den Rolladen hochziehe, erschrecke ich erstmal. Das Fenster öffnet sich auf einen Innenhof, wo gerade ein vermutlich männliches Wesen vorbeihuscht. Das lässt mir keine Ruhe trotz Putter. Ich schaue mich draussen etwas um und entdecke Zimmer an einem Gang, die Aussenfenster haben. So eines will ich. Also nichts wie runter und Zimmer tauschen. Es klappt sogar ganz einfach, obwohl der Receptionist etwas schmierig wirkt und durchaus ein Voyeur sein könnte. Aber vielleicht sehe ich auch nur Gespenster. Nach einigem Angewöhnen dusche ich und fühle mich dann wieder viel besser. Aber ob ich hier 2 Nächte bleibe, weiss ich noch nicht. Nehme noch die Pflaster ab und stelle fest, dass die Fersenwunde ziemlich stinkt. Vielleicht heilt sie besser, wenn sie offen ist.

Samstag, 25. September 2004

Tag 9, Von Zafra nach Villafranca de los Barros

Wegbeschreibung und Bilder
Ich erwache früh. Putter ist auch schon wach und winselt in allen Tonarten, dass er raus will. Kann ihn kaum beruhigen und das stresst mich ein wenig. Möchte mich in Ruhe auf den ersten Schritt mit Blasenpflaster vorbereiten und meinen Körper erst wecken mit ein bisschen Gymnastik. Der Horrormoment kommt, ist da und geht vorbei und ich lebe noch und es ist gar nicht so schlimm wie gedacht. Um 7.30 Uhr pilgere ich wieder los. Schichtwechsel in der Stadt. Die Nachtschwärmer sind feuchtfröhlich und etwas müde auf dem Heimweg und die Frühaufsteher sind schon unterwegs. Wunderbarer Morgenspaziergang in erfrischender Luft direkt in die Bar von Casimiro Gordillo Roldan zum Cafe con Leche. Höre eine Weile dem Singsang aus der schönen Kirche zu. Dann weiter Richtung Villafranca. An jeder Gabelung steht schon jemand, der mir den Weg weist. Freunde mich mit meinen Schmerzen an, beobachte und untersuche sie und siehe da, sie vergehen auch wieder. Wie in Trance beschreite ich den roten Lehmweg und komme Schritt um Schritt vorwärts. Was ist ein Schritt? Was gehört dazu? Ich und die Welt! Alles Raum und Zeit. Der Weg ist wie das Leben. Immer wieder stosse ich auf diese Erkenntnis. Das Leben ist überall mit seinen Wundern. Und dazu gehört auch der Tod. Hinter dem Torre de San Francisco liegen 2 junge Kätzchen tot am Strassenrand. Entsorgt wie Müll. Überhaupt interessant, was so alles am Wegrand liegt. Zerrissene Pornohefte fallen mir besonders auf, schon beim Einmarsch nach Zafra und jetzt wieder beim Hinausgehen. Nach dem Wasserturm weist mir ein alter Mann den Weg nach links, während ich eher geradeaus weitergelaufen wäre. Ich folge ihm und siehe da, ich lande vor einer wunderschönen Albergue mit Klingel. Und auf mein Klingeln kommt eine Frau mit 2 Jungs zum Öffnen. Ein kleines Paradies tut sich auf. Ich bekomme frischen Orangensaft für 1.50 und verweile 2 Stunden mit Meditieren und Barfusslaufen im saftig grünen, vom Morgentau noch nassen Gras. Der reinste Balsam für meine Füsse. Verlockender Gedanke, hier zu übernachten. Doch bald fühle ich mich so erholt, dass es mich weiterzieht. Noch gut 1 Stunde nach Villafranca. Wir überqueren die Eisenbahn und unterqueren dann die neue Autobahn. Wenigstens ist es darunter schön kühl. Gegen 15 Uhr erreiche ich Villafranca mitten in der Siesta. Ein dicker, energischer Polizist stempelt mir freudig die Urkunde und sagt, wo man übernachten kann. Mit ein bisschen Fragen finden wir die Pension Los Amigos, wo wir gleich freundlich hereingebeten werden. Ein Junge freundet sich mit Putter an und ich komme zu einer wunderbaren Dusche. Bis 18 Uhr Siesta, dann Futtershopping. Putter ist ziemlich nervös und frisst kaum. Vielleicht zu müde und zuviele neue Eindrücke. Bei einem Bier beobachte ich wie das Samstag-Nachtleben erwacht. Im Hotel Diana esse ich für 10 Euro ein vorzügliches Menu inkl. Wein mit grilliertem Gemüse, Solomillo alla pimienta, von dem ich 2/3 Putter bringe und Arroz con Leche. Die Senora gibt mir noch Anweisungen zum Aufschliessen der Tür am nächsten Morgen. Dann verzieh ich mich mit Putter in unseren Verschlag, während draussen das Nachtleben tobt.

Freitag, 24. September 2004

Tag 8, In Zafra

Mit Langschlafen wird nichts. Putter kommt und stubst mich immer wieder. Er will raus und so geht es erstmal auf einen Morgenspaziergang durch die erwachende Stadt. Habe mich entschlossen, noch eine Nacht hierzubleiben. Und habe Glück. Kann das Zimmer noch eine Nacht behalten. Gestern nacht war das Hotel Completo. So frage ich schon gar nicht nach einem Preisnachlass. Dann mache ich wieder meine Morgengymnastik und die 5 Tibeter. Es funktioniert noch alles. Dann duschen und die Füsse rubbeln. Sie fühlen sich schon besser an. Der Receptionist verrät mir, wo es ein Internet-Cafe hat und ich steuere erstmal dorthin. Total sympathische Bar. Fühle mich gleich wohl und setze mich mit Cafe con Leche an Platz 4. Post von Joe und Teresa. Schreibe beiden zurück. Dann ist die Stunde um inkl. Salamandra. Einkaufsbummel, Früchte, Wasser und Hundefutter. Dann wieder zurück zu Putter ins Hotel. Zum Mittagessen nehme ich ihn mit. Doch zuerst lasse ich mir bei der Polizei noch den Pilgerstempel geben. Im Parque de la Paz lasse ich mich in der Barterrasse nieder und schreibe bei 2 Bier, einem Bocadilla con Jamon und einer Ensalada mista. Fühle mich sehr wohl hier. Geniesse den spanischen Tagesrhythmus. Und immer wieder das Schreiben. Abends nochmal ins Internet-Cafe, um den Brief an meine Freunde loszuschicken. Bei heisser Musik, die mich erstaunlicherweise eher beflügelt als stört, schwinge ich auf Platz 14 mit. Dann ist wieder mal Essen angesagt. Im Hotel ist die beste Auswahl und der beste Service und nicht mehr weit zum Zimmer. Nehme Cazuela de Berenjenas y Gambas, die superlecker schmeckt. Auberginengratin mit leichtem Gambasgeschmack, raffiniert. Dann Fusspflege, das erste Pflaster montiere ich schon, aber die Fersenblase lasse ich noch offen bis morgen früh. Vor dem Moment graut mir.

Donnerstag, 23. September 2004

Tag 7, Von Fuente de Cantos nach Zafra

Wegbeschreibung und Bilder Teil 1
Wegbeschreibung und Bilder Teil 2
Am Morgen breche ich wieder früh auf, doch nicht so früh, dass es noch dunkel ist. Denke mir, zur Schonung meiner Füsse, locker in einer guten Stunde nach Calzadilla zu laufen undvon dort Taxi oder Bus nach Zafra zu nehmen. Doch wieder mal kommt es anders. Calzadilla schläft noch oder ist erst am Erwachen. Ich schaue dem Treiben auf der Plaza de España vor dem Ayuntamiento zu. Um 9 Uhr erscheint der Bürgermeister mit dickem Bauch und einer hübsch zurechtgemachten Putzfrau, die ich später nach dem Bus frage. Es gibt eine Haltestelle an der N630, die ich auch bald finde. In der Bar des Hostal Rodriguez frage ich nach den Abfahrtszeiten. In etwa 10 bis 15 Minuten. Stehe ins Bushäuschen, wo alsbald mehrere Frauen auftauchen. Ich frage sie nach dem Bus nach Zafra und ob Hunde erlaubt sind. Nein. Also Taxi organisieren. Wieder zurück zu dem unfreundlichen Barmann. Er gibt mir widerwillig das Telefonbuch. Es gibt kein Taxi hier. Ich spüre, dass ich hier nicht weiterkomme und versuche es nochmal im Dorf. In der Zwischenzeit hat sich der Himmel bedeckt. Ich werte dies als Zeichen, nach Zafra zu laufen. Und so kaufe ich noch ein paar Früchte und nehmen dann den Camino wieder unter die Füsse.
Wieder führt der Weg schattenlos zwischen Feldern entlang, deren Stoppeln teilweise abgebrannt wurden. Zum ersten Mal tauchen auch Rebfelder auf mit teilweise noch reifen Trauben dran. Etwa eine Stunde schützen mich die Wolken vor der Sonne, dann dreht der Wind und die Wolken wandern mit mir nach Norden und immer wieder und länger findet die Sonne Lücken in der Wolkendecke. In Puebla treffe ich völlig durchnässt von Schweiss und erschöpft, aber doch stolz ein. Frage 2 Mädchen am Strassenrand nach einer Fuente oder Piscina. Doch sie raten mir nur zur Bar an der Plaza de España. Dort lasse ich mich auf dem einzigen Stuhl draussen nieder. Wasser in Flaschen gibt es nicht und so bestelle ich ein Bier. Und entdecke, welche Wonne so ein Schluck Bier sein kann. Als Zugabe erhalte ich noch ein paar fritierte Fisch-Kartoffelbällchen. Putter erhält seinen Pott mit Wasser und geniesst den kühlen Steinboden. Das Bier macht mich schläfrig und ich würde mich gern zu Putter auf den Boden legen. So döse ich halt auf meinem Stuhl dahin, bis die grösste Hitze vorbei ist. Gegen 16 Uhr breche ich wieder auf. Und stosse prompt auf die Fuente. Sofort nochmal Schuhe und Socken runter und die Füsse ins kühle Nass. Dann auch noch den kurzgeschorenen Kopf untertauchen und ich bin wie neugeboren. Oft ist das, was ich wünsche, gleich um die Ecke. Der Spruch aus der Template Times fällt mir ein, gerade dann, wenn sich alles gegen einen verschworen hat und die Verzweiflung am grössten ist, nicht aufzugeben, denn dann ist man dem Wendepunkt zum Guten am nächsten. Nach einigem Suchen find ich dann auch wieder den Weg und die vertrauten gelben Pfeile geleiten mich zuverlässig mitten nach Zafra. Ich frage gleich im ersten Hotel nach einem Zimmer. Hätten sie für EUR 22, aber nur ohne Putter. So gehe ich weiter. Komme zu einem wunderschönen Platz mitten in der Stadt, der Plaza Grande. In einer Ecke befindet sich das Hotel Plaza Grande. Hier wäre schön zu wohnen. Also frage ich. Und nach einigen Rückfragen mit Chefs klappt es tatsächlich. Dank Putter erhalte ich sogar ein extra grosses Zimmer mit Patio. Putter kriegt sein Wasser und ich endlich die wohltuende Dusche. Dann mache ich Schadensinventar meiner Füsse. Es sieht nicht gut aus: blauer Zehennagel am linken grossen Zeh, Fünfliber grosse, offene Blase an der rechten Ferse, wohl meine Achillesferse. Kleine Blasen an der linken Ferse aussen, Blasen an beiden kleinen Zehen und an der rechten, grossen Zehe. Die ganzen Füsse sind geschwollen und schmerzen bei jedem Schritt auch barfuss. Überlege, ob ich so weiterlaufen kann. Von hier fährt auch der Zug zurück nach Huelva. Oder was sonst? Eine Weile hier bleiben und auskurieren? Was tun, wenn ich so früh schon wieder zurück bin? Kaufe erstmal Hundefutter und Pflaster und mache einen kleinen Rundgang. Die Stadt gefällt mir wunderbar. Klein-Sevilla. Schöne Glockentöne. Manchmal erklingt von den Glocken "Freude schöner Götterfunken". Esse im Hotel auf der Plaza Grande die obligate Gazpacho und eine Ensaladilla Rusa. Später entdecke ich die Frauen, die bei meiner Ankunft an der Reception standen, in der Küche. Wir winken uns zu. Dann mal alles überschlafen.

Mittwoch, 22. September 2004

Tag 6, Von El Real de la Jara über Monasterio nach Fuente de Cantos

Wegbeschreibung und Bilder
Nach einer Nacht mit Bauchkrämpfen stehe ich früh um 6.50 Uhr auf und breche noch in der Dunkelheit auf. Der Weg ist diesmal leicht zu finden und ich wandere zwischen eingezäunten Weiden allein dahin. Das Muhen und Mähen und die neugierigen Blicke und gespitzten Ohren von Kühen und Schafen begleitet mich. Manchmal klingt von fern das Schreien von einer Tierfarm herüber. Die Schreie klingen nicht glücklich. Sind es Hilferufe? Inspiriert von dem Grazer Pilgerpaar und abgeschreckt vom Lärm der Lastwagen auf der N630 bestelle ich mir in der Tienda Culebrin ein Taxi nach Monasterio. Erstaunlicherweise geht das sogar mit Putter. Ein neues Auto mit frisch rasiertem und gekämmtem Fahrer erscheint. Ich setze mich auf die Wolldecke auf dem Rücksitz und Putter nimmt auf dem Plastik im Fussraum Platz. Wow, welch ein Luxus so über die vielbefahrene Landstrasse gefahren zu werden. Und das für nur 8 Euro für 8 km. Ich lasse mich direkt vor der Post absetzen. Zeit, Ballast abzuwerfen. Ich kaufe eine Caja verde und verstaue darin 1 Hose, 1 T-Shirt, das Deo, 6 Wäscheklammern, die Sonnenbrille, die Strandschuhe, meine Agenda, das Spanisch-Lehrbuch und die Template Times, total 2,2 kg. Das kostet mich das Vermögen von 20 Euro. Auch die ersten Tagebuchnotizen stecke ich in ein Kouvert und sende sie an mich. Dazu hat mich Inge mit ihrer Buchleseart inspiriert. Sie reisst die gelesenen Seiten heraus und weg. Es ist schon drückend heiss und ich stärke mich mit einem Orangensaft und einem Bocadillo de Jamon in der gegenüberliegenden Bar. Mein Badetuch schneide ich mit der Nagelschere auseinander. Ein Viertel davon genügt auch. In meiner Naivität hatte ich mir vorgestellt, ab und zu in einem Fluss oder See baden zu können. Aber alle Gewässer waren bisher ausgetrocknet oder verschmutzt von Dünger und Chemikalien, sodass nicht mal Putter trotz Hitze das Wasser saufen wollte. Gestärkt und erleichtert geht es dann auf die nächste Etappe, die zur Hitze- und Durchhalteprobe wird. Bei den 2 schönen Eichen mache ich Rast und gönne meinen Füssen ein bisschen frische Luft. Mindestens 4 Stunden Wanderung liegen heute noch vor mir. Noch eine Stunde schaffe ich es in der Hitze, bevor ich an einem schönen Platz mit Aussicht und im Schatten von Eichen ausgiebig raste und den kühleren Abend abwarten will. In der Ferne ist zum ersten Mal Fuente de Cantos zu erspähen. 2 Velopilger fahren vorbei, sonst sehe ich keine Menschenseele bis ich aufbreche. Ich esse einige Früchte, deren Schalen im Nu vertrocknen im heissen Wind. Nach 17 Uhr breche ich auf, damit ich noch vor Sonnenuntergang das Ziel erreichen kann. Unendlich zieht sich der Weg über gelbe Stoppelfelder dahin. Immer wieder mal taucht am Horizont die Silhouette von Fuente de Cantos auf, aber jedesmal liegt noch eine weitere Hügelkette zwischen uns und dem Ziel. Endlich erreichen wir den Fluss Bodion Chico. Putter bleibt gleich darin stehen und säuft ausgiebig. Ich setze mich auf einen Stein am Ufer und kühle Nacken und Arme. Die 4 Fahrradpilger, die uns vorher überholt hatten, kommen nochmal vorbei. Sie sind falsch gefahren, links statt durch den Fluss. Der Spanier aus Menorca ruft mir mit einem jungenhaften Lachen zu: "We were too fast and went wrong!" Sein Lachen weckt in mir wieder jugendliche Gefühle und setzt die Energie zum Weitergehen frei. Danke, querido!
Auf dem Weg treffe ich regelmässig auf vielversprechende Wegweiser zur Albergue von Fuente de Cantos. Und ich male mir die Albergue schon in den schönsten Farben aus. Ich spüre schon die Erfrischung der Dusche und sehe den Schlafplatz vor mir. Mache mir auch schon Sorgen, dass die Fahrradpilger die besten Plätze belegen und ich eventuell keinen Platz mehr habe. Wie überflüssig! Bei Sonnenuntergang laufe ich ins Dorf. Ich folge den Wegweisern zum Albergue und stehe alsbald vor verriegeltem Tor. Ich kann es kaum fassen, doch es ist wahr. Also zurück zur Kirche und zur Policia local, die lange Gasse hinauf. Ein Spanier unterhält sich mit dem Polizisten und ich frage die beiden nach der Albergue. Sie sagen, es sei offen und dort, wo ich gewesen war. Ganz genau verstehe ich es nicht, was sie erklären. Auf jeden Fall begleitet mich dann der eine wieder die lange Gasse hinunter zurück. Nur um festzustellen, dass die Albergue tatsächlich geschlossen ist. Ein junger Spanier in der Nähe ist so nett, die Nummer der Albergue zu wählen, aber es meldet sich nur der Telefonbeantworter. Allgemeines Schulterzucken. Also wieder die lange Gasse hinauf zur Polizei. Dort ist mittlerweile niemand mehr. Leichte Verzweiflung macht sich in mir breit und der lange Wandertag tut seine Wirkung.
Ich umkreise die Kirche nach Auskunftsmöglichkeiten. Steuere in eine Bar, die ein bisschen wie ein Puff aussieht. Doch zu einer Puffmutter habe ich im Moment mehr vertrauen als zu irgendwelchen Machos. Mein Instinkt ist richtig und sie delegiert einen Gast als meinen Führer zu Josefas Haus, die eine Pension hat. Diese steht schon im Türeingang und hält Ausschau. Die Frage ist noch, wohin mit Putter, auf die Gasse, in den Patio oder ins Zimmer? Schliesslich darf er mit ins Zimmer, da er dort am wenigsten stört und gestört wird. Er hat eh nur noch schlafen im Sinn. Josefa ist ein Juwel, zeigt mir gleich die Dusche und bringt mir ein grosses Badetuch. Danach fühle ich mich wieder wie neugeboren. Sie verrät mir noch, wo man gut isst und ich mache mich auf den Weg. Lande im El Gato, bei einem sehr netten Wirt, der mir für EUR 7.50 Bier, Wein, Gazpacho, Wasser, einen Salat, Revuelto con tudo und Melone zum Dessert bringt. Seine 2 Töchterchen Anna und Leonor sind quicklebendig und neugierig und leisten mir sofort Gesellschaft. Für Putter kriege ich obendrein noch eine Restemahlzeit. Ende gut - alles gut!

Dienstag, 21. September 2004

Tag 5, Von Almadén de la Plata nach El Real de la Jara

Wegbeschreibung und Bilder
Heute stehe ich schon bei Dunkelheit auf. Allerdings nicht so leise wie Inge und Lutz, die schon am Vorabend ihre Siebensachen für den Aufbruch zusammengepackt haben. Zum Frühstück esse ich die restlichen Feigen. Dann gehe ich los. Den Weg durch das Dorf habe ich schon gestern vorsorglich ausgekundschaftet. Wäre aber bei den hellen Strassenlaternen gar nicht nötig gewesen. Hinter der Stierkampfarena tauche ich dann in die Dunkelheit ein. Zum ersten Mal brauche ich die Taschenlampe und bin froh, dass mein Liebster sie mir aufgedrängt hat. Eine halbe Stunde finde ich den Weg und komme ohne grosses Stolpern voran. Dann erreiche ich ein Tor, das geschlossen ist und durch das ich gemäss meiner Beschreibung durch müsste. Ich beschliesse das Tageslicht und Xavier, der später auch hier durchkommen sollte, abzuwarten. Ich überbrücke die Zeit mit Trauben essen. Eine Schweineherde nähert sich. Putter bellt und hält sie auf Distanz. Dann sehe ich ein tanzendes Lichtkegelchen. Ich packe mir den Rucksack wieder auf den Buckel und gehe ihm entgegen. Es ist Xavier. Ich bin erleichtert trotz schwerem Rucksack. Er findet den nächsten Pfeil und wir passieren zusammen noch die Villa mit den agressiven Hunden. Dann zieht Xavier in grossen Schritten davon. Ich komme über viele Weiden mit Schaf-, Ziegen- und Schweineherden, werde ab und zu von Wachhunden angebellt und geniesse die Stille und das Alleinsein. Es geht auf und ab. Nach dem steilsten Aufstieg geniesse ich die grandiose Aussicht bei einer Pause, wo auch meine Füsse wieder mal ans Licht dürfen. Ich montiere die Compeed Blasenpflaster, die ich bei Inge gegen 2 Bananen eingetauscht habe. Gegen halb 12 Uhr erreiche ich El Real und begegne wieder Inge und Lutz. Ich beschliesse zu bleiben und quartiere mich bei Conchi ein. Ein weiser Entscheid. Denn beim Kaffee spüre ich plötzlich das Ziehen der Wilden Frau im Bauch. Inge und Lutz laufen um 14 Uhr weiter bis zur Ermita de San Isidro, von wo sie ein Taxi nach Monasterio nehmen wollen. Die Idee ist verlockend, es ihnen morgen gleich zu tun. Ich werde so richtig mit Planen konfrontiert. Und stelle fest, dass ein grosser Teil der Welt hier eingezäunt ist. Den Nachmittag verschlafe ich. Um 6 Uhr wage ich mich wieder raus, um Futter für Putter zu beschaffen. Die Hitze des Tages empfängt mich nach der angenehmen Kühle im Haus. Ich schleiche den schattigen Hauswänden entlang und entdecke erst jetzt richtig das Zentrum und die Kirche von El Real. Fazit des heutigen Tages: stolpern durch die Dunkelheit, auf Hilfe vertrauen, mich nicht von den Zielen anderer ablenken lassen.

Montag, 20. September 2004

Tag 4, Vom Naturpark Sierra Norte nach Almadén de la Plata

Wegbeschreibung und Bilder
Nach einem wunderschönen, aber anstrengenden Morgenspaziergang durch El Berrocal und über den Cerro del Calvario mache ich Pausentag im Refugio von Almadén, das ich bis 14 Uhr ganz für mich allein habe. Dann treffen 3 weitere Pilger ein. Waschen, Duschen, Früchte und Schinken im Supermarkt kaufen. Die ersten Karten schreiben. Putter hat einen schönen Platz im Hinterhof. Vielleicht kann ich sogar in der Casa Concha ins Internet. Lange Siesta im oberen Kajütenbett begleitet vom Schnarchen eines ebenfalls müden Pilgers. Dann treffen noch Inge und Lutz aus Graz ein, mit denen ich mich unterhalte und in der Casa Concha zu Abend esse. Inge ist vor 2 Tagen 60 geworden und pensioniert. Beide sind superleicht ausgerüstet, womit ich wieder bei meiner Last bin.

Sonntag, 19. September 2004

Tag 3, Von Castilblanco zum Naturpark Sierra Norte

Wegbeschreibung und Bilder
Der Tag beginnt mit Essensbeschaffung. Gar nicht so einfach um 8 Uhr an einem Sonntagmorgen. Putter frisst sein Festmahl nicht. Und trinken mag er auch noch nicht. Wie kann ich ihm klarmachen, dass er noch Flüssigkeit brauchen wird? Wir kommen erst gegen 9.30 Uhr zum Dorf hinaus auf die Landstrasse, der es nun 15 km zu folgen gilt. Ich weiss noch nicht, wie das in der Hitze zu bewältigen sein wird. Nach ca. 7km beschliesse ich eine lange Pause zu machen. Ich schwitze zu stark und habe zu wenig Wasser dabei. Die Pause auszuhalten ist nicht einfach. Der Platz nicht ideal direkt neben der Strasse, doch wenigstens im Schatten unter einem ausladenden Eichenbaum. Ich esse einen Apfel und die Nüsse. Ich meditiere. Ich scheisse. Ein holländisches Paar, das mit den Fahrrädern von Torremolinos unterwegs ist, hält an und bietet mir ein bisschen Wasser an. Ich gebe es Putter. "Wenn ich die Last noch lange schleppe, werde ich zu Herkules oder breche zusammen." Druckstellen und Ansätze von Blasen zeigen sich an Füssen und Schultern. Wie werde ich das schaffen? Bis jetzt hatte ich noch keine Musse und Inspiration. Ich bin voll beschäftigt, meinen Rhythmus zu finden. Werde ich Hilfe suchen müssen? Ich denke kaum an Zukunft und Vergangenheit. Zu intensiv und fordernd ist im Moment die Gegenwart. Das Bewältigen dieser Aufgabe. Im Moment das Aushalten des Hierbleibens. So sehr es mich lockt, vorwärts zu gehen. Die Hitze und mein Körper und Putter sprechen dagegen. Gegen 17 Uhr packt es mich dann doch. Ich teste die Temperatur des Asphalts, über dem die Hitze immer noch flimmert, mit der Hand. Zu heiss für Putter's Pfoten? In voller Montur setze ich mich nochmal eine halbe Stunde auf die gerollte Matte. Dann geht es mit minimalem Wasservorrat los. Die Strasse ist noch schlimmer als erwartet. Nach einigen 100 Metern fängt ein frisch geteertes Stück an. Die Dämpfe des frischen Asphalts steigen mir in die Nase und lassen mich husten. Ich schaue sehnsüchtig jedem in unsere Richtung fahrenden Auto nach. Nur der Wind ist mit mir und begleitet mich mit kühlenden Stössen. Früher als erwartet sind wir bei Kilometer 10. Doch nun beginnt die Steigung. Wenigstens spendet die sinkende Abendsonne schon auf einer Strassenseite Schatten. Schritt für Schritt schaffen wir es. Zwischendurch legt sich Putter mal hin und ich teile ein bisschen Wasser mit ihm. Irgendwie schaffen wir es dann doch in den Naturpark, wo wir mit Stille und einsamer Natur belohnt werden. In der Casa Forestal treffe ich statt auf eine Frau auf 4 Männer, die ihren Uniformen nach zu schliessen für den Park arbeiten. Bei ihnen fülle ich unsere Wasserflaschen auf und lasse Putter ausgiebig trinken. Ich erkundige mich nach gefährlichen Tieren, da ich draussen schlafen will. Der Parkwächter sagt mir, was ich denke, dass hier der Mensch das gefährlichste Tier ist. Aber mit Putter kann mich das nicht schrecken. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen mit Aussicht über den Park. Bei Sonnenuntergang geniesse ich mein Schinken-Peperoni-Sandwich, von dem auch Putter was abkriegt. Ich richte mich für die Nacht ein. Stern um Stern erscheint, während der goldgelbe Sichelmond langsam untergeht. Das Röhren der brünstigen Hirsche begleitet mich in den Schlaf und durch die Nacht.

Samstag, 18. September 2004

Tag 2, Von Santiponce nach Castilblanco de los Arroyos

Wegbeschreibung und Bilder
Festmahl für Putter zum Frühstück. Die Partygäste haben viele Reste gelassen, Wurst, Käse, Empanadas, Brot und Kuchen. Beim Verlassen des Hotels begegne ich den letzten Nachtschwärmern, die in Socken in ihre Zimmer schleichen. Frische Luft draussen. Rechts von mir geht die Sonne blutrot auf. Zwischendurch fühle ich mich wie ein Lastesel und beneide Putter, der unbeschwert herumrennen kann. Eigentlich hatte ich mir das ja mal anders vorgestellt, wandern mit einem Esel, der das Gepäck trägt. Jetzt bin ich selber der Esel. Wanderschuhe: Schutz oder Folterinstrumente? Was ist das Gegenteil von Folter? Wohltat? Ebenso der Rucksack: 2.Folterinstrument. Ich sitze dem Polideportivo gegenüber. Das Schwimmbad ist leider schon geschlossen. Ich esse Tapas mit Sesamcrackern und trinke einen Cafe con Leche dazu. Putter erhält unbestellt Wasser. Einige Kinder ärgern ihn und er knurrt sie böse an. Ich gebe meinen Füssen eine lange Pause und lasse sie aus den Schuhen raus. Am rechten kleinen Zeh zeigt sich eine kleine Blase. Frage mich, ob es meinen Füssen ohne die Wanderschuhe besser gefallen würde. Das erste Mal tauchen Sorgen auf. Bin ich auf dem richtigen Weg? Ich begegne Polizisten und Pferden. Die Hasen am Weg führen Putter an der Nase herum. Sie sind schlauer und schneller als er. Doch er ist so klug, die Jagd bald abzubrechen.
In der Mittagshitze schaffe ich es gerade von Guillena über den Rivera de Huelva zur Casa de Venta de Thadera, wo es nicht nur die Möglichkeit zu einem kurzen Imbiss gibt, sondern auch zu einem Schäferstündchen mit dem Chef, der nach Feierabend um 16.00 Uhr noch die Fossa entleert. Dabei knurrt ihn Putter feindselig an, während ich so naiv bin und ein Gespräch anfange. Stelle auch noch so blöde Fragen, wie lange es dauert mit der Fossa und ob viele Pilger vorbeikommen. Und sage ihm, dass das ein schöner Ort für eine Siesta ist. Ein Mann versteht das wohl alles ganz anders als ich es meine. Ich will ja bloss freundlich sein und mein Spanisch üben. Er fragt mich, ob ich gerne etwas trinken oder essen möchte. Statt dass ich hellhörig werde, willige ich auf eine Flasche Wasser und einen Kaffee ein und nehme dann noch eine Süssigkeit. Ganz vergessend, dass man von fremden Männern nichts annehmen soll. Zum Glück erscheint in diesem Moment ein Polizist. Und bei der schnellen Bewegung des Chefs mit der Hand zum Hosenladen wird auch mir langsam klar, was läuft. Ich verziehe mich wieder hinaus zu Putter, dessen Instinkt ich zum ersten, bzw. zweiten Mal heute bewundere. Mit ihm bin ich wirklich sicher. Hei, Sicherheit ist nur eine Illusion. Ich verkürze meine Siesta und verabschiede mich beim Chef, der mit glänzenden Äuglein und offenem Hosenladen dasteht. Nachher fallen mir lauter Sprüche ein. Und das Erlebnis bleibt noch eine Weile unangenehm in meinem Kopf und in meinen Gedanken haften. Endlich komme ich von der Strasse weg auf einen Naturpfad. Doch lange halte ich in der Hitze nicht durch. Setze mich versteckt vom Weg hinter ein schattenspendendes Olivengebüsch und warte auf die abendliche Kühle. Als sie kommt, geht es wieder weiter. Ackerland und Plantagen werden durch Weideland abgelöst. Ich komme durch eine wunderschöne, eichenbestandene Hügellandschaft, wo sanfte, braune Kühe grasen. In einer Schlucht gibt es einen Stau und ich trample langsam den Rindviechern hinterher. 3 mächtige Stiere laufen vor uns in gemächlichem Schritt. Davor Mutterkühe mit Kälbern, die mich beim Vorbeigehen mit tiefgründigen, sanften Augen anschauen. Der Blick trifft meine Seele und Tränen steigen auf. Ein wunderbares Gefühl der Verbundenheit mit diesen so in sich ruhenden und friedlichen Tieren. Am Boden liegt eine schneeweisse, flauschige Feder für mich. Ich kröne damit meinen Hut, der im Moment mein liebstes Teil ist. Ich flirte mit dem Gedanken, draussen zu schlafen. Halte Ausschau nach einem Platz. Doch nachdem ich das Weidegebiet mit der ersten Geschicklichkeitsübung im Zaunöffnen und -schliessen verlassen habe, führt der Weg nur noch in einem engen Korridor zwischen 2 Zäunen. So erreiche ich wieder die Landstrasse, von wo es nicht mehr weit ist zum nächsten Hotel - denke ich. Bei Sonnenuntergang wird es kühler und ich wechsle das völlig durchnässte T-Shirt gegen ein trockenes. Dann geht es bei zunehmender Dunkelheit der Strasse entlang. Zum ersten Mal fürchte ich mich. Die Autos rasen in unheimlicher Geschwindigkeit und Nähe an mir vorbei und der Randstreifen ist schmal, daneben abfallendes Bord, das ich geblendet von Scheinwerfern kaum erkennen kann. Dann endlich die Urbanizacion La Colina mit einem Restaurant, wo ich mich erschöpft hinsetze und uns nochmal einen Wasserhalt gönne. Es ist halb zehn und die Spanier trudeln zum Nachtessen ein. Im Hotel darf Putter bei mir im Zimmer sein. Welche Wohltat, eine Dusche. Doch das ist auch das beste am Zimmer. Die Luft ist stickig und das Bett ein Trampolin. Ich wasche noch meine durchgeschwitzten Kleider, bevor ich mich von diesem Tag verabschiede.

Freitag, 17. September 2004

Tag 1, Von Sevilla nach Santiponce

Wegbeschreibung und Bilder
In Backofenhitze bringen Johannes, Teresa, Zaira und Fanja mich und Putter, meinen Hundefreund, von Espiche nach Sevilla vor die Kathedrale. Mitten im Moloch. Fühle mich wie eine Taucherin an Land. Zu schwer und im falschen Element. Umrunde erstmal die Kathedrale und setze mich dann mit Putter in den Schatten. Erstmal ankommen. Was jetzt? Wo ist der Pilgerstand? Wo lasse ich Putter? Er darf nicht überallhin mitkommen. Nicht auf die Toilette, nicht in die Kathedrale, nicht in alle Läden, Restaurants und Unterkünfte. Das wird mir gerade klar. Der Pilgerstand ist erst ab 16.00 Uhr wieder besetzt. Es ist 13.00 Uhr. Später merke ich, dass es dank spanischer Zeit schon 14.00 Uhr wäre. So vertrödle ich die Zeit im Park vor dem San Telmo Palast und bei einer leckeren Gazpacho und 6 Tapas für 22.44 Euro. Danach erhalte ich ohne Probleme den Pilgerpass von einem väterlichen Beamten oder wohl besser Kirchendiener. Bei der Puerta de San Miguel finde ich auf Anhieb den ersten Pilger-Wegweiser, eine gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund, wie eine Sonne, die nur auf eine Seite strahlt. Ich folge den Strahlen. Das Gewicht des Rucksacks und die Hitze machen sich schon nach einigen Schritten bemerkbar. Putter täppelt brav und leicht neben mir her oder einen Schritt voraus. In der Castilla finde ich einen Laden, der Wasserflaschen verkauft. Für 10.50 Euro erstehe ich eine, das Wasser dazu und eine Pilgermuschel mit guten Wünschen gibt es als Zugabe. Nach der Überquerung des Guadalquivir in praller Sonne rasten wir in der ersten Bar in Camas. Putter erhält eine grosse Schüssel mit Wasser. Danach schaffe ich es noch bis Santiponce und leiste mir das Hotel neben Italica als Belohnung, den Moloch Sevilla hinter mir gelassen zu haben. Für Putter findet sich ein Platz beim Notausgang. Er ist so aufgeregt, dass er gar nichts essen mag. Vielleicht dann zum Frühstück. War auch sehr viel neues und ungewohntes für ihn. Nach Papas Arrugas und einem Bier, einer erfrischenden Dusche, waschen der Unterhosen und massieren der Füsse kuschle ich mich wohlig und zufrieden ins Bett.

Mittwoch, 15. September 2004

Vorbereitung

Schon bevor ich 1999 nach Portugal kam, hatte ich mal die Vision mit einem Esel zu wandern, mich nur noch zu Fuss fortzubewegen. Doch dann war da zuerst der Toyota Landcruiser, der mich, meinen Geliebten und unseren Hausrat in mehreren Pendelfahrten von der Schweiz nach Portugal trug. Dann kam ein azurblauer, nigelnagelneuer Mitsubishi Sports Wagon mit portugiesischem Nummernschild, der sich zwischen meine Füsse und die Erde drängte. Er war praktisch und bequem. Praktisch um Zementsäcke, Steine, Fliessen und anderes Baumaterial für unsere Renovationsvorhaben heranzukarren, um Einkäufe zu erledigen, auch um das Mis-en-Place für die Tiegelküche zu transportieren und bequem, weil man noch schnell zum Vergnügen an den Strand und in die Stadt fahren konnte und er Klimaanlage hatte.
Erst mit dem Verkauf von Haus und Auto im August 2004 stellte sich die Frage nach dem Übergang, dem Übergang zu Brasilien, wohin es meinen Liebsten so übermächtig zog, während mein Herz noch ganz in Portugal war, die kommenden Erschütterungen aber schon vorausahnte.
Wo hat es angefangen? Was gehört zur Geschichte, was ist eine andere Geschichte? Wie entwirre ich die Fäden meines Lebens? Soll ich die Knäuel hinter mir aufwickeln, während ich sie vorwärtsspinne? Oder sie ausgebreitet liegen lassen, als meine Spuren?
Kurz gesagt, die Welt und ich waren im September 2004 bereit für die Ruta de la Plata. Als Führer sollten mir die Etappenbeschreibungen von Ulrich Sahl dienen, die ich mir aus dem Internet ausgedruckt hatte. Jede Etappe eine A4-Seite, vorne die Wegbeschreibung, hinten leer für meine eigenen Tagebucheinträge. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag immer nur die Wegbeschreibung des kommenden Tages zu lesen, um möglichst im Moment zu sein und mir keine Sorgen über die Zukunft zu machen. Ist mir nicht immer gelungen. Alle paar Tage oder wenn gerade eine Poststelle am Weg lag, habe ich die beschriebenen Seiten in ein Kouvert gesteckt und an meine Freundin geschickt.
Körperlich habe ich mich nicht speziell vorbereitet. Habe mir einfach vorgenommen, auf meinen Körper zu hören und langsam zu beginnen.
Auf Fotoapparat und Handy habe ich verzichtet. Zuviel Ballast und Ablenkung und ich wollte meine eigenen Kommunikationsfähigkeiten erproben und entwickeln.
Liebe Freundinnen und Freunde haben mit mir Abschied gefeiert und danach in der letzten Nacht habe ich meinen Rucksack gepackt.
Mein Liebster hatte mich mit dem Camper zum Flughafen Mulhouse gebracht, von wo ich zu meiner Freundin nach Portugal und zum Startpunkt meiner Pilgerreise flog. Wir hatten verabredet, dass wir uns dann Ende Oktober in Santiago de Compostela wiedersehen.